Stundensatz kalkulieren für Freiberufler und Freelancer

Stundensatz Kalkulation

Ob IT-Freelancer, Journalist, Fotograf, Berater oder Designer.
Viele Selbständige und Freiberufler verkauften sich unter Wert. Manche hatten Probleme, ihre Zahlungen zu decken. Rücklagenbildung war ein Fremdwort.

Um es kurz vorab auf den Punkt zu bringen:
Stundensätze sollten die Untergrenze von 100 Euro Brutto überschreiten.

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Gründe, warum Menschen Scheu hatten, eine angemessene und gute Bezahlung zu fordern, konnten sein:

  • Erinnerungen oder Vergleiche mit Angestellten- oder Arbeiter-Gehältern
  • mangelnde Fähigkeiten, seinen Wert zu erkennen, einzunehmen, einzufordern
  • Unkenntnis über Alleinstellungsmerkmale, Defizite im Bereich Verhandlungen und Preisgespräche
  • Berücksichtigung des Budgets der eigenen Zielgruppe
  • marktübliche Preise sowie Wettbewerb

Stundensätze von 20, 40 oder 80 Euro hörten sich für manche nach viel Geld an oder wenn ein Selbständiger tätig war für Arbeitnehmer, rechneten diese: „Ich verdiente 20 Euro die Stunde. Hier bezahlte ich für drei Stunden, 500 Euro.“

Man suggerierte sich in seinem Kopf: „Dieser Mensch müsste doch bald reich sein oder sehr wohlhabend leben, aufgrund seiner Tätigkeit und der erzielbaren Honorare.“


Wunsch und Wirklichkeit

Beispiel Fußballer

Ein Fünftel der Fußball-"Profis" verdiente weniger als 300 US-Dollar (= 283 Euro) im Monat; nur 40 Prozent erhielten über 2.000 Dollar (= 1.890 Euro) pro Monat, lediglich 2 Prozent bezogen mehr als 720.000 Dollar (= 680.000 Euro) im Jahr.

Das hatte die Spielervereinigung FIFpro 2016 in einer weltweiten Umfrage unter 14.000 Berufsfußballern herausgefunden.  

Link zu den Ergebnissen dieser Studie

Beispiel Selbstständige

Sah man sich die tatsächlichen Einkommen der ausschließlich Selbstständigen in Österreich an (und in Deutschland und der Schweiz ist die Lage ähnlich), dann machte sich Ernüchterung breit:

75% verdienten weniger als 30.000 Euro brutto (!) im Jahr, lediglich 5% kamen über 100.000 Euro im Jahr.


Grundregel: Einnahmen höher als Kosten

  • angemessenes Einkommen war zu erreichen (vergleichbar eines Angestellten mit 10 Jahren Berufserfahrung)
  • Marktanpassung an Mitbewerber (lokal/online) blieb notwendig (wobei man nicht als der „billigste“ gelten sollte, auch aufgrund der Denkweise von Kunden: er konnte nichts, also kam niemand zu ihm, er hatte sich billig zu verkaufen; Werte verknüpften Kunden teilweise mit Preisen)

Was kostete eine Dienstleistungsstunde

Manko vieler Freelancer: unvollständige Kalkulation.

Es war nicht ausreichend, Angestellten-Monatseinkommen durch die Anzahl monatlicher Arbeitsstunden zu dividieren.


Berücksichtigung der Sozialversicherung

  • Bei Angestellten: Arbeitgeber leisteten einen Anteil zu etwa 50% zusätzlich zum Brutto-Gehalt. (Betraf Krankenversicherung, Unfallversicherung, Pflegeversicherung, Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung)
  • Bei Selbstständigen: 20% waren zusätzlich zum Brutto-Betrag hinzuzurechnen.

Rechenbeispiel

    4.000 Euro Bruttolohn
    +800 Euro (20 % Sozialversicherung Aufrechnung)
= 4.800 Euro Zwischensumme

Beachtung der realistischen Auslastung

  • Niemand arbeitete 365 Tage im Jahr.
  • Berücksichtigung von Wochenenden (104), Feiertagen (10), Urlaub (25), Krankenstand (5), Weiterbildung (5 Tage).
  • = 216 Arbeitstage pro Jahr
  • = 18 Arbeitstage pro Monat

Zusätzlich: unproduktive Zeiten abziehen

Zeiten, die kein Geld einbrachten und angefallen waren:

  • Kunden- und Auftrag-Akquise
  • Buchhaltung
  • Büroorganisation
  • Marketing (Werbung, PR, Vertrieb)
  • sowie Leerzeiten

Bei einer angenommenen Auslastung von 60% blieben somit 10,8 Tage pro Monat, die auf die Kalkulation des Stundensatzes Einfluss nahmen.


Kalkulation der Fixkosten

  • Angestellte: Der Arbeitgeber finanzierte und versicherte sämtliche Belange (Gewerbefläche Mieten, Auto, Reisekosten, Raumausstattung, Strom, Telefon-/Internetkosten, Arbeitsmaterial und Tools, Software-Lizenzen, Werbematerial/-kosten, Versicherungen)
  • Selbstständige: Diese Kosten waren im Stundenhonorar zu integrieren.

Die Beispielrechnung ging von 1.800 Euro im Monat bei den Fixkosten aus. Die Summe ist natürlich bei jedem Freiberufler unterschiedlich.


Rechenbeispiel

    4.000 Euro Bruttolohn
    +800 Euro (20 % Sozialversicherung Aufrechnung)
= 4.800 Euro Zwischensumme
 +1.800 Euro Fixkosten
   6.600 Euro Gesamtkosten


Stundensatz Kalkulation

Erläuterung:

Vom errechneten Bruttogehalt von 6.600 Euro ausgegangen, wird dieser Betrag durch 10,8 Arbeitstage dividiert und man erhält 611,11 Euro netto pro Arbeitstag. Geht man von einem 8-Stunden Tag aus, sind das 76,34 Euro netto pro Stunde.

Wenn man 10 Prozent Gewinn dazu zählt, ermittelt man einen netto Stundensatz von 83,97 Euro. Dieser ist noch mit zuzüglich 19% Mehrwertsteuer zu versehen.

Berechnung:

6.600 Euro | Gesamtkosten
dividiert durch 10,8 Arbeitstage

= 611,11 Euro | Tagessatz (o. MwSt.)

dividiert durch 8 Arbeitsstunden
= 76,34 Euro / Std.
+ 10% Gewinn
+ 3,97% | Kalkulation von Finanzierungs-, Forderungsausfall und Mahnkosten)

= 87,00 Euro/Std. | Stundensatz (o. MwSt.)

Das war eine Musterkalkulation zur Orientierung. Diese Vorlage kann von jedem Freiberufler, Selbstständigen, Gründer oder Freelancer individuell für seine Verhältnisse und Vorgaben angepasst werden.

Quellverweise:

Diese Beitragsidee, sowie die Beispiele der Kalkulation, entstand aufgrund eines Print-Dokuments, https://blog.elbe-finanzgruppe.de/whitepaper-stundensatzkalkulation

Danke für die Hinweise der Statistiken (Fußball, Selbständige) von Norbert Kloiber, https://start.norbert-kloiber.at

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  • 15. September 2019
Matthias Szilagyi
 

Aufgabengebiet hier: Fachliche Inhalte bereitstellen, Produkte vorstellen, erklären. Wissen und Erfahrungen weitergeben. Andere Aufgaben: Erforschen, Entdecken, wer wir sind, was möglich sein kann und welche Potentiale in uns (verborgen) liegen.

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